Kulturelle Bildung im Film stärken – Anhörung im Kulturausschuss des Landtags am 16.04.2026

Stellungnahme des Kulturrat NRW zur Drucksache 18/16204
„Kulturelle Bildung im Bereich Film stärken: Nordrhein-Westfalen braucht eine Filmbildungsstrategie statt Kürzungen!“

eingebracht von der Fraktion der SPD
für die Anhörung des Ausschusses für Kultur und Medien am 16.04.2026

Seitens des Kulturrat NRW, des Dachverbands nordrhein-westfälischer Kulturverbände, begrüßen wir den Antrag der Fraktion der SPD, der die vielfältigen Beiträge der Filmkulturszene zur Kulturellen Bildung und zur Filmbildung im Besonderen in Nordrhein-Westfalen präzise beschreibt und damit würdigt. Der Kulturrat NRW teilt die Feststellungen und die Forderungen des vorliegenden Antrags im Großen und Ganzen. Wir danken für die Einladung, Stellung zu nehmen.

Grundsätzlich schließen wir uns ebenfalls der Stellungnahme unseres Mitgliedsverbands Netzwerk Filmkultur NRW e.V. an. Dessen Forderungen bestehen in

  • der Verbesserung der langfristigen Strukturen und damit der Planbarkeit im Bereich der Filmbildung und kurzfristig in der Verbesserung der transparenten Bearbeitung von beantragten Förderungen und dem aktuellen Haushaltsvollzug für die Träger der Filmbildung: den Festivals, Filmhäusern- und Werkstätten, den Filminitiativen und anderen Organisationen in NRW;
  • dem Ausbau der Rahmenbedingungen für die Filmbildung und deren Weiterentwicklung in Modellprojekten und schließlich in einer Filmbildungsstrategie, die das Land und das Ministerium in seine Programmatik und Förderung übernehmen. Damit wird auch eine Vernetzung mit anderen Einrichtungen und Programmen in der Kulturlandschaft möglich gemacht.

Die Filmbildung innerhalb einer Gesamtstrategie für die Kulturelle Bildung

Der Kulturrat NRW hat in den bisherigen drei Anhörungen zum Ausbau der Kulturellen Bildung in verschiedenen Sparten in seinen Stellungnahmen betont, dass er eine Gesamtstrategie zur kulturellen Teilhabe, die alle Sparten, Zielgruppen und Diversitätsaspekte berücksichtigt, nach wie vor für sinnvoll hält.

Wir möchten hier die Rolle und Funktion der Filmbildung innerhalb einer Gesamtstrategie zur kulturellen Teilhabe beschreiben und damit betonen, wie wichtig wir die Filmbildung für eine sinnvolle Gesamtstrategie halten.

Wie Sie wissen, beschäftigt sich die Filmkultur, die vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW gefördert wird, in verschiedenen Weisen mit dem filmischen Bild und seiner Synthese zu einem Gesamtkunstwerk, zusammen mit dem Ton und der Musik. Dies ist immer bezogen auf die Rezeption von künstlerisch hergestellten Filmen. Die Filmkultur vermittelt an seine Publika, welche Bedeutung beispielsweise die Montage und welche die Kameraführung hat und welche der Ton- oder der Musikeinsatz im Film.

Insofern sind alle Institutionen der Filmkultur immer schon der Filmvermittlung verpflichtet, auch wenn sie – wie die Festivals und andere Veranstalter – ihre Hauptaufgabe darin sehen, aktuelle Filme zu zeigen, die sonst das Publikum kaum findet, Qualität mit Hilfe von Jurys zu beurteilen und Filmemacher: innen und Publikum dadurch zu inspirieren. Des Weiteren bieten sie Programme zur Filmgeschichte oder Veranstaltungsformate zu aktuellen Themen der Filmpraxis an, um verschiedenen Zielgruppen das Verstehen von künstlerisch hergestellten und bearbeiteten Bewegtbildern zu ermöglichen.

Die Filmbildung in der Digitalität

Mit der Digitalisierung, die alle Künste inzwischen betrifft, haben die genannten Aufgaben eine besondere Aktualität erhalten. Mit der Omnipräsenz der Bilder über Smartphones und Streamingportale hat sich das Bewegtbild als die dominante Wahrnehmungsform nach vorne geschoben, auf die die Filmbildung mit ihrem Hauptgegenstand und ihren Methoden besonders gut reagieren kann.

Denn es geht ihr immer um das technisch hergestellte und damit um das gestaltete Bild. Die Filmkultur weist in allen ihren Programmen darauf hin, dass Bilder gemacht sind und nicht identisch sind mit der vorfilmischen, sprich: vorgefundenen Realität; das heißt, dass es verantwortliche Personen gibt für das, was das Publikum auf der Leinwand oder im Stream sieht und dass diese Bilder und deren Aussagen in Kenntnis der Bildherstellung analysiert und damit überprüft werden können.

Diesen Fokus auf das technisch hergestellte und technisch verbreitete Bild als Form und Wahrnehmung bietet innerhalb der Kulturellen Bildung die Filmbildung. Sie hat in den letzten zehn Jahren Methoden und Veranstaltungsformate entwickelt, um die ästhetische, praktische und analytische Beschäftigung mit dem Bild voranzutreiben, um den Teilnehmenden damit Selbstreflexion, Distanznahme zu den Bildwirkungen und Ermächtigung für eine selbst definierte Bilderproduktion mit den jetzt omnipräsent verfügbaren Techniken der Bilderzeugung inklusive der künstlichen Intelligenz zu ermöglichen.

Die so verstandene Filmbildung ist nicht zu verwechseln mit Medienkompetenz. Dort geht es vor allem um Inhalte. Das Bild als Träger der Bedeutung und als Wahrnehmungsform wird dort nicht thematisiert. Es geht bei der Medienkompetenz darum, Inhalte zu rezipieren, zu erkennen, wo sie herkommen, wer sie verbreitet und welche Techniken wie etwa auch künstliche Intelligenz ihnen zugrunde liegen. Es geht vor allem auch um Kinder- und Jugendschutz, die die junge Zielgruppe vor Missbrauch im Netz und in den Kanälen der Plattformen schützen soll, es geht auch um Verbraucherinformationen.

Die Filmbildung bietet in diesem Zusammenhang als einzige Sparte den Umgang mit den technisch erzeugten Bildern, übt ihre Wahrnehmung und Analyse ein und entwickelt einen kreativen Umgang mit Bildern. Indem Jugendliche zum Beispiel Bildabfolgen im Film analysieren, lernen sie auch, sie zu Programmen zusammenzustellen. Dabei üben sie ebenfalls, wie sie über die Bilder sprechen oder auch schreiben können, etwa in Form von Filmkritiken. Dies sind Programme, die auf den Filmfestivals stattfinden und die bei Kindern und Jugendlichen, aber auch in Publikumsjurys, auf Begeisterung und großes Engagement treffen.

Innerhalb der Kulturellen Bildung, die sich seit einem guten Jahrzehnt ebenfalls mit der medial vermittelten Welt, in der sich Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene inzwischen bewegen und aufhalten, kann die Filmbildung ihren besonderen Fokus auf die zentrale Funktion des Bildes in der Digitalität einbringen und mit erprobten Methoden und Bildungsangeboten unterfüttern.

Insofern stärkt die Integration der Filmbildung auch die spartenübergreifende Kulturelle Bildung. Die Filmbildung kann die Angebote der Kulturellen Bildung aktualisieren und schult kulturelle und analytische Kompetenzen im Umgang mit der Bilderflut, die heute mehr denn je gebraucht werden.

Wir fassen dies in Leitlinien und Forderungen für die Weiterentwicklung der Filmbildung zusammen, wenn möglich auch innerhalb einer Gesamtstrategie zur kulturellen Teilhabe, und sehen dabei folgende Aufgaben für die Filmbildung und Bedarfe für ihre Weiterentwicklung:

  • Der Beitrag der Filmbildung zur Kulturellen Bildung, verstanden als „Kompetenz-ressource“ (siehe Markus Hilgert, Kulturpolitische Mitteilungen, 1/2026, S. 54 ff.) umfasst alle Aspekte der Bildernutzung und -rezeption, in der digitalen wie auch in der analogen Form.
  • Filmbildung umfasst alle Aspekte der praktischen wie ästhetischen Bildernutzung und vermittelt Bewegtbilder als eine Form, deren Nutzung und deren Wahrnehmung geübt, analysiert und verändert werden kann.
  • Bisher nicht angesprochen, plädiert der Kulturrat auch dafür, das Kino als kulturellen Ort einzusetzen, dort das gemeinsame Sehen, Analysieren der Bilder und den selbstbestimmten Umgang mit Bildern einzuüben – in Form der Weiterentwicklung des Programms „Filmbildung und Kino“ und weiterer Modellprojekte, auch für die Qualifizierung des Personals der Filmbildung, die die Konzepte der Kulturellen Bildung insgesamt ergänzen.
  • Innerhalb einer Gesamtstrategie zur kulturellen Teilhabe sollte ebenfalls darauf geachtet werden, dass in bestehenden Landessprogrammen wie „Kultur und Schule“, „Kulturstrolche“, „Kulturrucksack“ durch Formaterweiterungen und Änderungen von Rahmenbedingungen Angebote zur Filmbildung, auch im Offenen Ganztag – besser möglich werden.
  • Innerhalb einer Gesamtstrategie wäre es auch möglich, die Kooperationsmöglichkeiten etwa zu Medienkompetenzbemühungen in anderen Sektoren auszuloten – etwa zur Landesanstalt für Medien NRW oder auch zu öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem WDR (letztere sind seit in Kraft treten des Reformstaatsvertrags zum 1. Dez. 2025 gehalten, Medienkompetenz zu ihren Angeboten im Rahmen eines Gesellschaftsdialogs an ihre Nutzer:innen zu vermitteln, siehe §26a, Satz 1 und 2).

Einbezug der Filmschaffenden in die Filmstrategie

Wie in allen Künsten spielen die herstellenden Künstler:innen für die Vermittlung von Kunst eine zentrale Rolle. In der Filmbildung bedeutet dies:

  • Filmemacher:innen vertreten durch ihre Praxis, dass Bilder sich unterscheiden, je nach Technikeinsatz, dass Bilder per se gestaltet sind und nicht identisch mit der vorfilmischen Realität. Dies ist besonders wichtig, da Bilder oft als Authentizitäts- oder Wahrheitsbeweis missverstanden und missbraucht werden (siehe u.a. die Debatte und die Tatbestände von Fake News und Deep Fakes).
  • Filmemacher:innen können durch ihre Praxiserfahrung vermitteln, wie Bilder gestaltet werden und welche Emotionen und Wirkungen damit erzielt werden können.
  • Sie können vermitteln, wie sich ihre Arbeit mit der von anderen Gewerken der Filmproduktion verbindet und welche Arbeit für die Bildgestaltung insgesamt nötig ist, bzw. welche technischen Formatierungen ihre Anwendung voraussetzen (technische Vorgaben durch Kameras, Bildbearbeitungsprogramme etc.).
  • Sie treten mit ihren Filmen vor ein Publikum und zeigen sich als diejenigen, die verantwortlich sind für die Bilder, die zu sehen sind und dass mit ihnen über diese Bilder gesprochen und diskutiert werden kann.
  • Sie treten in einen Austausch mit den verschiedenen Publika und können Nachfragen und Interessensformulierungen für die Entwicklung ihrer eigenen Filme nutzen (dies passiert passgenau zum Beispiel in dem Format „doku.klasse“, die bei doxs in Duisburg jährlich stattfindet).

In der Filmbildung ist die Präsenz von Filmemacher:innen zentral, neben der von Medienpädagog:innen oder Kurator:innen. Die Schnittstelle zwischen Filmemacher:innen und Filmbildung in einer kohärenten Filmstrategie ist das Filmbüro NW als Selbstorganisation der NRW-Filmemacher:innen aller Filmgenres und -gattungen. Das Filmbüro NW ist Mitglied im Netzwerk Filmkultur und im Kulturrat NRW, so dass eine Vernetzung innerhalb einer Filmstrategie bereits angelegt ist. Das Filmbüro selbst bietet ebenfalls Filmbildung an, zum Beispiel die Filmreihe “Dem Land seine Bilder geben“ und organisiert andere Veranstaltungsangebote.

Durch die Beteiligung von Filmemacher:innen an der Filmbildung erschließt sich darüber hinaus für ihre Filme ein weiteres Auswertungsfeld (längere Spieldauer aktueller Filme über Kinos und Festivals hinaus, langfristiger Einsatz älterer Filme für die Präsentation filmischer Vielfalt, zusätzliche Honorareinnahmen). Dies ist insgesamt eine weitere positive Folge, wenn Filmemacher:innen in der Filmbildung eine zentrale Rolle einnehmen.

Empfehlungen

Der Kulturrat NRW empfiehlt daher

  • die Berücksichtigung der strukturellen Verbesserungsforderungen des Netzwerk Filmkultur zur aktuellen und langfristigen Absicherung und Stärkung der Filmbildung, das bedeutet auch: keine Kürzungen;
  • die Vernetzung mit den langfristig angelegten Strukturen anderer Sektoren, dafür ist die Planbarkeit in längeren Zeiträumen von mindestens drei Jahren (Über- und Mehrjährigkeit) in der Filmbildung eine grundlegende Voraussetzung;
  • den Ausbau einer Gesamtstrategie kulturelle Teilhabe, um die Filmbildung und deren Vernetzung mit anderen Sparten der Kunst in NRW sektorenübergreifend mit den Landesprogrammen und den Schulen sowie Institutionen der Medienkompetenz zu befördern.

In diesem Zusammenhang verweisen wir nochmals auf die Forderungen in unseren Stellungnahmen zu den Drucksachen 18/14523 „Musik ins Leben! Für eine starke kulturelle Bildung in NRW“, 18/14022 „Tanz als Bestandteil kultureller Bildung in Nordrhein-Westfalen stärken – Strukturen sichern und Teilhabe erhalten!“ sowie 18/15917 „Kulturelle Bildung in der Soziokultur stärken“.

Petra Schmitz
Stellvertretende Sprecherin der Sektion Film / Medien, Kulturrat NRW

Lorenz Deutsch
Vorsitzender Kulturrat NRW

01.04.2026

Kontakt: Margrit Lichtschlag, Geschäftsführerin Kulturrat NRW – m.lichtschlag@kulturrat-nrw.de

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