Workshops / Fachtagung am 6.5.2026 in Bochum: Kein Mittel zum Zweck – warum wir Kulturelle Bildung stärken müssen


Zwei Tage danach (8.5.26):
Kleines Resümee und erstes Zwischenfazit

„Kein Mittel zum Zweck- warum wir kulturelle Bildung stärken müssen“ – so lautete der Titel der Fachtagung vom Kulturrat NRW, die letzten Mittwoch mit rund 100 Teilnehmenden im Kunstmuseum Bochum stattfand.
Der provokante Titel, der spannende Impulsvortrag „Künste und Kulturelle Bildung – (un-)erwartete Wechselwirkungen“ von Prof. Dr. Frank Jebe und vier vertiefende Fachworkshops regten zu intensiven Gesprächen an.

Besonders die Rolle der Künstler*innen in der Kulturellen Bildung gab Anlass zur Diskussion – wo liegen zwischen den Strömungen von Autonomie, Postautonomie und sozialer Praxis die künstlerischen Freiheiten, auch in der Kulturellen Bildung?

Im Feld der Kulturellen Bildung gibt es sehr viele gute und qualifizierte Leute und damit großartiges Potenzial für eine zukünftige, vielfältige Kunst- und Kulturszene. Es wäre ein fataler Fehler, durch Überfrachtung mit Erwartungen und zu wenige Ressourcen die einzigartigen Bildungschancen in und durch Kulturelle Bildung zu unterschätzen und damit auch ein wichtiges Standbein einer lebendigen Demokratie zu schwächen.

Mit Blick auf die NRW-Landtagswahl 2027 wurde deutlich, dass viele Aspekte nicht vereinzelt betrachtet werden dürfen. Der Kulturrat NRW empfiehlt auf Basis der insgesamt positiven Fördersituation und strukturellen Lage in NRW die Entwicklung einer Gesamtstrategie Kulturelle Teilhabe. Diese sollte alle Sparten, Zugänge und Akteur*innen in den Blick nehmen und verbinden.

An dieser Stelle noch einmal ein riesiger Dank an

  • Kunstmuseum Bochum und Stadt Bochum für die wunderbare Gastfreundschaft
  • Inpulsgeber und Podiumsgast Prof. Dr. Frank Jebe (Kunst- und Kulturvermittlung, Hochschule Niederrhein) für das theoretische Grundgerüst der Diskussionen
  • weitere Podiumsgäste: Diemut Schilling (bildende Künstlerin, Wuppertal), Dr. Michael Reitemeyer (Abteilungsleiter Kultur, Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW), Lorenz Deutsch (Vorsitzender Kulturrat NRW) für den kritischen Perspektivabgleich
  • Leitungen der Workshops für ihre professionelle und spannende Arbeit:

#1 – Arbeitsbedingungen in der Kulturellen Bildung (Leitung: Julian Pfahl und Seta Guetsoyan)

#2 – Awareness in künstlerisch-kulturellen Kontexten (Konzeption und Leitung: Sandra Karangwa, Anti-Rassismus & Empowerment, Awareness/Moderation: Amina Saidi, Velican Yılocağı, Koordination: Margret Albers und Gudrun Sommer)

#3 – Was macht die Kunst (aus) – in der kulturellen Bildung? (Leitung: Claudia Keuchel und Jari Ortwig, Experte: Felix Berner, Dozent für Tanz, Tanzvermittlung und Performance / Akademie für Kulturelle Bildung des Bundes und des Landes e.V.)

#4 – Kulturelle Bildung im Spannungsfeld zwischen Kunstvermittlung und Sozialarbeit (Leitung: Ilva Menzel und Diane Müller)

  • die Moderatorin Margrit Lichtschlag
  • alle Teilnehmenden für die rege Beteiligung und das entgegengebrachte Vertrauen

Workshop 1

Thema: Attraktive Rahmen schaffen: Gestaltung von Arbeitsbedingungen in der Kulturellen Bildung
Konzeption: Julian Pfahl / Seta Guetsoyan

Künstlerische Arbeit ist ein zentraler Qualitätsfaktor der Kulturellen Bildung, doch die strukturellen Bedingungen, unter denen sie stattfindet, sind noch immer oft fragil. Förderlogiken, Honorare, Ehrenamt und neue rechtliche Rahmen wie das Herrenberg-Urteil prägen, wie attraktiv das Feld für Künstler*innen überhaupt ist. Der Workshop widmet sich praxisnah der Frage, wie Institutionen, Programme und Förderstrukturen Arbeitsbedingungen so gestalten können, dass künstlerische Qualität entstehen und bestehen kann.

Nach einem kurzen inhaltlichen Einstieg zu aktuellen Herausforderungen und Potenzialen erarbeiten die Teilnehmenden konkrete Handlungsspielräume: Welche strukturellen Faktoren hemmen oder ermöglichen künstlerische Prozesse? Wie lassen sich Rahmenbedingungen so gestalten, dass künstlerische Freiheit und pädagogische Verantwortung im Gleichgewicht bleiben? Welche Stellschrauben können Förderprogramme, Kommunen oder Institutionen unmittelbar bewegen?

Der Workshop bietet Raum für Reflexion, Austausch und praktische Orientierung für Fachpersonen der Kulturellen Bildung, die künstlerische Arbeit stärken und das Feld für Künstler*innen langfristig attraktiv gestalten wollen.

Workshop 2

Thema: Kunst, Macht, Grenzen: Awareness in künstlerisch-kulturellen Kontexten
Konzeption und Leitung: Sandra Karangwa (Köln), Anti-Rassismus & Empowerment
Awareness-Begleitung / Moderation: Amina Saidi, Velican Yılocağı
Koordination: Margret Albers und Gudrun Sommer

Wir danken Die Sichtweisen – Gesellschaft für bunte Ansichten e.V. für die Unterstützung des Workshops.

Künstlerische Freiheit ist ein hohes Gut. Gleichzeitig tragen Institutionen und Akteur*innen in der Kulturellen Bildung Verantwortung für möglichst sichere, diskriminierungsfreie Räume. Mit Input und Fachwissen zu strukturellem Rassismus sowie praktischen Fragestellungen, die nah an der eigenen Praxis in Kleingruppen bearbeitet werden, setzt sich der Workshop mit Machtstrukturen und Privilegien auseinander.

„Kunst.Macht.Grenzen“ ist als Sensibilisierungsraum konzipiert, der sich der kritischen Selbstreflexion weiß positionierter Fachkräfte widmet, sowie der Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien und rassistischen Strukturen.

Weiß-Sein bedeutet (im Gegensatz zu Schwarz oder of Color), keine eigenen Rassismus-Erfahrungen gemacht zu haben und in Bezug auf Rassismus (gewollt oder ungewollt) in einer privilegierteren Position zu sein.

Wir möchten darauf hinweisen, dass, obgleich der Raum für Alle geöffnet ist, dieser spezifische Fokus für Teilnehmende mit Rassismus-Erfahrung eine Belastung darstellen kann, da im Austausch unreflektierte Sichtweisen oder verletzende Dynamiken auftreten können. Wir bitten Teilnehmende mit Rassismus-Erfahrung, dies bei der Anmeldung im Sinne der eigenen Psychohygiene zu berücksichtigen.

Zwei Diskriminierungssensible und Awareness-geschulte Personen gewährleisten das Anwenden von Safer-Space Konzepten und ermöglichen die Erfahrung einer Awareness-Begleitung direkt im Workshop. Vorfälle von Diskriminierung werden nicht geduldet, sondern wenn notwendig mit der Aufforderung, die Veranstaltung zu verlassen, adressiert.

Workshop 3

Thema: Was macht die Kunst (aus) – in der Kulturellen Bildung? Künstler*innen als Fundament kultureller Bildungsstrukturen
Konzeption: Claudia Keuchel / Jari Ortwig
Experte: Felix Berner, Dozent für Tanz, Tanzvermittlung und Performance / Akademie für
Kulturelle Bildung des Bundes und des Landes e.V.

Künstler*innen bilden das Fundament kultureller Bildungsstrukturen. Sie bringen nicht nur ihre künstlerische Expertise ein, sondern auch kreative Perspektiven, die gesellschaftliche Reflexionsprozesse ermöglichen und ästhetische Erfahrungsräume für Teilnehmende eröffnen. Als kreative Impulsgeber*innen, Vermittler*innen und Innovationsmotoren tragen sie maßgeblich zur Qualität kultureller Bildungsangebote bei. Ihre künstlerische Praxis schafft Zugänge zu neuen Denk- und Handlungsräumen, stärkt Ausdrucksfähigkeit, Identitätsbildung und gesellschaftliche Teilhabe. Ohne die kontinuierliche Beteiligung und Wertschätzung künstlerischer Arbeit können nachhaltige Strukturen Kultureller Bildung nicht entstehen oder bestehen. Daher sind langfristige Perspektiven und strukturelle Anerkennung für Künstler*innen (auch faire Arbeitsbedingungen) zentrale Voraussetzungen für ein leistungsfähiges und zukunftsfähiges Feld Kultureller Bildung.

Workshop 4

Thema: Kulturelle Bildung im Spannungsfeld: Gelingendes Wirken zwischen Kunstvermittlung und Sozialarbeit
Konzeption: Ilva Menzel / Diane Müller

Kulturelle Bildung bewegt sich zwischen künstlerischem Anspruch, pädagogischer Verantwortung und sozialarbeiterischen Anforderungen. Qualität entsteht genau dort, wo Kunst, Pädagogik und Zielgruppenorientierung produktiv zusammenkommen. In der Kulturellen Jugendarbeit gehören Problembewältigung und Krisenintervention ebenso zum Alltag wie die freie Entfaltung von Persönlichkeiten durch kreative Prozesse und kulturelle Teilhabe.

Ausgehend von einer gemeinsamen Klärung zentraler Begriffe und Selbstverständnisse werden Spannungsfelder wie Freiwilligkeit versus Verbindlichkeit, offene Pädagogik versus Disziplin, Zielgruppenerreichbarkeit versus künstlerischen Anspruch diskutiert. Der Workshop lädt dazu ein, diese Spannungsfelder anhand konkreter Praxiserfahrungen zu reflektieren und Potenziale wie Grenzen für gelingendes Wirken in der Kulturellen Bildung zu benennen.

In Kleingruppen werden Voraussetzungen, nötige Ressourcen und Rahmenbedingungen für gelingende Kunstvermittlung sowie die Wirkungen Kultureller Bildung herausgearbeitet.

Ziel ist es, gemeinsame Gelingensbedingungen und praxisnahe Handlungsempfehlungen zu formulieren, die künstlerische Qualität zu sichern, ohne soziale Realitäten der Zielgruppe auszublenden.

Eine Veranstaltung des Kulturrat NRW, in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bochum,
gefördert von der Stadt Bochum, dem Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und inklusive Kultur (kubia), dem Deutschen Tonkünstlerverband e.V. und von Die Sichtweisen – Gesellschaft für bunte Ansichten e.V.  

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